KAFFEEWEIBER

Zu Fuß durchs Internet

Ist Oma jetzt eine Katze? (Teil 1)

Vor Jahren war ich Zivi im Altenheim. Auf Station 2, wo die schweren Fälle lagen, die, die schon einen Schritt weiter als die anderen waren.

Lothar, genannt Lotte, der eine schwere Behinderung davontrug, weil er als Kind immer auf derselben Seite lag. Sein Körper hatte sich angepasst und war auf einer Seite ganz platt. Er hat mich mal mit seinem Meyra-Elektro-Rolli über den Flur fahren lassen. Wenn man sein Zimmer betrat musste man nach dem lauten Anklopfen immer etwas warten, bis man eintrat, sonst war er nicht schnell genug mit Umschalten des Fernsehers, und man sah noch kurz ein paar Bilder der Filmchen, die er gerne guckte.

Oder unser General, der die braune Uniform gebügelt im Schrank hängen hatte und penibel die Haarwaschzeit überwachte. Als wenn er noch Haare gehabt hätte. Den ersten Anschiss bekam ich, weil ich ihn zu schnell über den Flur schob, den zweiten, weil ich eine Minute zu früh wieder auf dem Rückweg mit ihm war.

Picki, von Parkinson ans Bett gefesselt. Waschen war nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Weil er sich am Bettgestell festkrallte und nicht loszubekommen war, wurde ein Fluss durch sein Spezialbett geleitet. Oben das Wasser reingegossen, damit der alte Knabe wenigstens ein bisschen Wasser abbekam. Am Fußende lief das Abwasser dann wieder raus. In besseren Zeiten soll er mal, während die Schwester kurz draußen war, um eine neue Windel zu holen, kleine Schafsköttel gekäckert haben, die er der Schwester mit den Worten in die Hand drückte: „Sind genau 13, aber pass auf, die färben ab!“

Sterze, Ost-Vertriebene, die mich sehr mochte, weil ich ein junger Mann war, quasi eine Rarität im Altenheim. „So ein schöner Junge. Mach doch mal den Bart ab.“

Sie hatte 3 Zimmergenossinnen, die alle schon irgendwie jenseits des Vorhanges waren. Die eine ärgert sich über ihr schlecht sitzendes Gebiss und hat natürlich den ganzen Tag das ihrer Nachbarin im Mund. Für die andere war das Fernsehprogramm Teil ihres Lebens. Sie erzählte mir, sie hätte gestern Boris Becker geheiratet, weil sie ihn kurz zuvor im TV gesehen hatte. Es war ihre Wahrheit.

Herr Zahn bekam seinen Schnaps ärztlich verordnet, worauf er außerordentlich stolz war. Was er nicht wusste, war, dass wir das Zeug heimlich 1:1 verdünnten. Aber wehe, das Glas stand nicht pünktlich und mit Berg auf seinem Tisch. Einen mittleren Aufstand gab es, als eine Schwester seine Mischung aus Versehen ein weiteres Mal 1:1 verdünnte.

Eine Bewohnerin bekam Beruhigungsmittel die als etwas seltsame Nebenwirkung einen äußerst starken Bewegungsdrang hervorriefen. Den ganzen Tag schlurfte sie durch die Gänge des Heims. Was ihr dabei in den Weg kam verschwand in ihren Taschen oder in ihren Mund. So genau wollte das dann keiner mehr wissen.

Im Altenheim auch die bisher längsten 4 Meter meines Lebens. Eines Morgens betrat ich das Zimmer zweier Herren, die kurz zuvor mit einem heftigen Ausbruch von Durchfall und Erbrechen das gesamte Zimmer neu koloriert hatten. Ich weiß nicht, wie ich es bis ans Fenster geschafft habe, ohne die Pfützen im Zimmer noch zu vergrößern.

Wer nach der Arbeit nicht abschalten konnte machte den Job nicht lange.

April 10, 2008 Verfasst von nomadyss | Body and Soul | | Keine Kommentare

Die NNN

Nun kann die Große also lesen.
Daran muss ich mich erst einmal gewöhnen. In ihrer Gegenwart darf ich ab sofort keinen Brief an die Geliebte, keinen Einkaufszettel mit Viagra und kein “Mama ist doff” mehr schreiben. Sie kann schwimmen, toll malen, und mein Sudoku will sie auch schon lösen.
Bald kann sie alles besser als ich. Soll ich mich dann freuen oder schämen? Was wird aus mir?
Nach der Aufzucht der Kleinen trennen sich die Männchen von der Gruppe und ziehen alleine umher.
Was soll man machen, wenn man nicht mehr gebraucht wird?
Gibt es schon staatlich verordnete Freizeitgefährten, sozusagen Sozial-Hartz-IV?
Frühtrinkerrabatt für alleine umherziehende Männchen?
Wann wird mein Name an der Tür durch “N.N.” ersetzt?
Notleidender Nichtsnutz.
Gibt es schon eine Selbsthilfegruppe der NNN, der namenlosen notleidenden Nichtsnutze?

Ach, so schlimm wirds nicht kommen. Schließlich gibt es doch noch eine Sache, die ich besser kann als die Große: Aufräumen.

November 12, 2007 Verfasst von nomadyss | Body and Soul, Satire | , | Keine Kommentare

Amok

In den USA könnte man jetzt wenigstens in den nächsten Supermarkt fahren, sich eine fette Knarre kaufen, einen anständigen Amoklauf hinlegen, bei dem mindestens der Gouveneur, der lärmende Nachbar und seine trampelnden Kinder, der Vermieter, der Schuldirektor und der Tankstellenbesitzer draufgehen, und sich dann selbst erschießen.
Doch hier muss man ruhig bleiben, den See aus Milch aufwischen, den das eine Kind fabriziert hat, während das andere Kind trotz zahlreicher Ermahnungen, wenigstens beim Essen ruhig zu sein, kreischend Weihnachtslieder singt. Sehnsüchtig denkt man an einen Tag in unendlich entfernten 20 Jahren, an dem die Kinder aus dem Haus sind und an dem man das erste Mal seit 26 Jahren in Ruhe Abendbrot essen kann. In der Zwischenzeit spielt die Sechsjährige Hund und isst unter dem Tisch. Man lässt sie gewähren, völlig darauf konzentriert, den Zweijährigen davon abzuhalten, die Kücheneinrichtung zu zerlegen.
Dem Wahnsinn nahe stellt meine Frau die Frage, wie die “moderne” Elterngeneration, die schließlich 10 Jahre älter ist als wir, das aushält.
Dieses permanente Faxen machen, Bude zusammenschreien, Kekse haben wollen. Die Kinder toben so lange, bis eines heult. Tröstet man es, heult das andere, weil man sich nicht mit ihm beschäftigt.
Zum Glück bin ich nicht mein eigener Nachbar und muss das Geheule fremder Kinder aus der Wohnung nebenan ertragen!

November 8, 2007 Verfasst von nomadyss | Body and Soul | , | Keine Kommentare