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Achtung: kann Spuren von Satire enthalten

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Posted by nomadyss - 14. Juli 2009

Wenn man nachts um drei die Schönhauser Allee in Berlin betritt fragt man sich unweigerlich, ob es tatsächlich schlimmer sein kann, einsam zu sein als zwei Kinder zu haben. Anstatt vom Tag geschafft im Bett zu liegen und seinem verdienten und viel zu kurzen Schlaf zu frönen bewegen sich Massen durch die Stadt, auf der Suche nach Gemeinsamkeit. Kinder-, beziehungs-, ruhelose Menschen, denen die Decke in ihrer schick eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung auf den Kopf fällt. Die mit Mitte 30 mitten im Leben stehen aber doch noch glauben, etwas zu verpassen. Ganze Generationen von tatsächlichen und gefühlten Scheidungskindern haben die Pubertät nie verlassen und sind immer noch dabei, sich zu finden. Der Blick, den sie dabei auf andere entwickeln, mag treffend sein (was sie am Ende von Beziehungen mit ähnlich Gestörten abhält), macht sie aber beziehungsunfähig.

Man merkt Ihren scannenden Blicken an, sie suchen einen Partner. Sie wollen mit Kindern ihr emotional unfertiges Leben ändern. Alt? Nein, das sind die anderen. Als Zeichen an das andere Geschlecht, dass man jung und frisch und unverbraucht ist, gelten aus unerfindlichen Gründen offene Bierflaschen, die Mann und Frau auf der Straße, in der Straßenbahn, ja überall in der Hand hält. Die ganz hippen Frauen, die noch anders als die anderen Anderen sind, haben inzwischen offene Sektflaschen bei sich, aus denen sie gelegentlich nippen.

Ich erwische mich, wie ich ab und zu diese Nachtgestalten beneide, um ihre Zeit, um ihre Einsamkeit. Wie schön es wäre, so zwei Tage in der Woche, keinen zu haben, mit dem man irgendwas teilen muss. Ohne schlechtes Gewissen sinnlose Dinge machen zu können. Mal einen Tag den Keller aufräumen, den ganzen Morgen im Café zu verdaddeln, einfach so nachmittags Freunde zu treffen, ohne vorher einen Absprache- und Organisationsmarathon durchlaufen zu müssen.

Aber wenn man dazu Becks toll finden und eckige Brillen tragen muss und nur oberflächlich nett sein darf, tief innen aber gehetzt, dann verzichte ich doch lieber und warte auf einen fernen Tag X, an dem die Kinder aus dem Haus gewachsen sind. Auf eine Midlife-Crisis gleich nach der Pubertät kann ich ganz gut verzichten.

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